Am 29. November 2025 jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Heinrich Grüber. Aus diesem Grund bitten die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen und die Stiftung Büro Pfarrer Grüber am 29. November zu einer Gedenkveranstaltung in die Evangelische Akademie zu Berlin in die Charlottenstraße.
Heinrich Grüber war von Beruf Pfarrer in Berlin und trat unerschrocken und mit aller Entschiedenheit gegen den verbrecherischen Rassenwahn der Nationalsozialisten ein. All sein Handeln und Wirken konzentrierte sich darauf, tagtäglich der von den Nazis verfolgten jüdischen Bevölkerung zu helfen. Dies tat er trotz aller Gefahren, die ein solches Verhalten angesichts des menschenverachtenden Nazi-Regimes mit sich brachte, konsequent, unerschrocken und unter Einsatz seines Lebens.
Heinrich Karl Ernst Grüber erblickte am 24. Juni 1891 in Stolberg das Licht der Welt. Er war der älteste Sohn des Lehrers Dr. Ernst Grüber und dessen Ehefrau Alwine Cleven. Heinrich Grüber erwarb 1910 am Gymnasium zu Eschweiler das Abitur. In dem Ansinnen, in die Fußstapfen seiner Vaters zu treten, studierte der junge Heinrich in Bonn, Berlin und Utrecht Philosophie, Geschichte und evangelische Theologie. In der Folge äußerte er den Wunsch zum Pfarrdienst und legte im Jahr 1914 am rheinischen Konsistorium in Koblenz das Erste theologische Examen ab. Anschließend war er für einen kurzen Zeitraum als Vikar in Wuppertal tätig. Im Januar 1915 wurde Heinrich Grüber zum Militär einberufen. Zunächst als Hilfsprediger in Stolberg beschäftigt, absolvierte Heinrich Grüber das Berliner Domkandidatenstift, ehe ihm 1920 eine erste Pfarrstelle in Dortmund-Brackel angetragen wurde. Nach einer kurzen Tätigkeit als Erziehungsleiter in der Anstalt Düsselthal siedelte er 1926 nach Brandenburg über und wurde Direktor des Erziehungsheims Waldhof in Templin. Dort wurde er jedoch später von den Nationalsozialisten entlassen und fand erst 1934 wieder eine Anstellung als Gemeindepfarrer in Berlin-Kaulsdorf. Mit seinem Engagement im Geiste der Bekennenden Kirche zog sich Heinrich Grüber immer wieder den Unmut der Mitglieder seines Gemeindekirchenrates zu. Dieses Gremium war seinerzeit teilweise von Deutschen Christen besetzt, die ihren Pfarrer häufig denunzierten. Dass Heinrich Grüber nebenbei die Niederländischen Gemeinde in Berlin betreute, bescherte ihm schon bald – im Mai 1938 – eine neuen Auftrag der Bekennenden Kirche: Den Aufbau einer „Hilfsstelle für nichtarische Christen“ – also für Familien, die nicht selten schon seit Generationen konvertiert waren, aber dennoch den menschenverachtenden Rassegesetzen der Nationalsozialisten unterworfen wurden.
Das „Büro Pfarrer Grüber“ in der Oranienburger Straße, später An der Stechbahn, hatte sich das Bewältigen gleich mehrerer Aufgabengebiete zum Ziel gestellt. Dazu gehörte all jene Menschen christlichen Glaubens beim Vorhaben der Auswanderung aus Deutschland zu beraten, die den von den Nationalsozialisten geforderten Ariernachweis nicht erbringen konnten, sowie die Vorbereitung und Durchführung der Auswanderung (speziell der von Kindern), das Vermitteln von Arbeitsplätzen im Ausland, die Wohlfahrtsarbeit und die beraterische Tätigkeit bei allen möglichen Rechtsangelegenheiten. Aufgrund des Unterhaltens zahlreicher ökumenischer Kontakte war das „Büro Pfarrer Grüber“ in der Lage, die zwingend notwendigen Ausreisevisa sowohl im In- als auch im Ausland zu beschaffen. Unterstützt wurde dies durch die nicht ungefährliche Zusammenarbeit mit damaligen NS-Behörden. Dabei kam dem Büro entgegen, dass die NS-Behörden anfänglich noch großes Interesse hatte, eine jüdische Auswanderung zu forcieren und zu beschleunigen. Im Zuge der Absicht, den von der Nazis deportierten Menschen alle nur möglichen Erleichterungen zu verschaffen, wurde Heinrich Grüber seinerzeit unter anderem auch im Referat Adolf Eichmann vorstellig.
Eichmann war deutscher SS-Obersturmbannführer und NS-Verbrecher. Während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges leitete er in Berlin das sogenannte „Eichmannreferat“. Der einst als Fallschirmjäger ausgebildete Eichmann zählt zu den Hauptorganisatoren des Holocaust. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh er nach Argentinien. 1960 entführte ihn der Mossad nach Israel, wo er in einem Aufsehen erregenden Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Im Rahmen des Prozesses gegen Eichmann wurde auch Heinrich Grüber vom verantwortlichen Oberstaatsanwalt nach Israel gebeten und machte dort am 14. Mai 1961 als einziger Nicht-Jude und zugleich auch einziger Deutscher seine Aussage. Im Oktober desselben Jahres wurde Heinrich Grüber dazu eingeladen, in Yad Vashem einen Baum zu pflanzen. Yad Vashem in Jerusalem ist die „Gedenkstätte des Holocausts und des Heldenmuts“. Sie erinnert an die nationalsozialistische Judenvernichtung und dokumentiert diese auf wissenschaftliche Art und Weise. Zudem bat Heinrich Grüber anlässlich seines 75. Geburtstages alle Freunde und Gratulanten um Spenden und sorgte dafür, dass mit dem Geld ein Waldstück in Israel gepflanzt wurde.
Was Heinrich Grüber unter Einsatz seines Lebens für die Rettung von Rasseverfolgten getan hat, ist in jeder Beziehung beachtlich und beispielhaft. Bis zur Auflösung des Büros Pfarrer Grüber am 31.Januar 1941 konnte von dort aus die Emigration von rund 2000 Juden organisiert und in die Wege geleitet werden.
Zum Berliner Büro von Pfarrer Heinrich Grüber gehörten zeitweise bis zu 35 Mitarbeiter. Sie alle waren selbst Rasseverfolgte, die die Hilfe für andere Menschen über ihr eigenes Leben stellten. Am 17. Dezember 1940 wurde Pfarrer Heinrich Grüber schließlich von der Gestapo verhaftet und am 19. Dezember in das KZ Sachsenhausen gebracht. Bei seiner Einlieferung – das hat Heinrich Grüber nie vergessen – läuteten die Kirchenglocken der Oranienburger Nikolaikirche gerade die 18. Stunde des Tages ein. Vom KZ Sachsenhausen wurde er 1941 in den so genannten „Pfaffenblock“ nach Dachau verlegt. Später berichtete Heinrich Grüber über zahlreiche furchtbare Erlebnisse in den Konzentrationslagern. Immer wieder wurde er von Wärtern zusammengeschlagen. Im Juni des Jahres 1943 wurde der Pfarrer aus dem KZ Dachau entlassen. Was der Anlass dafür war? Der Kampf Heinrich Grübers für jüdische Rasseverfolgte war im Ausland nicht unbemerkt geblieben. Um das politische Verhältnis von Hitlerdeutschland zu den USA, die seinerzeit noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingegriffen hatten, nicht zusätzlich zu belasten, hatten führende Nazis ganz offensichtlich erkannt, dass es besser wäre, den Pfarrer freizulassen. Außer Heinrich Grüber hat keiner der Mitarbeiter des Büros Heinrich Grüber überlebt. Alle wurden in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.
Nach seiner Freilassung kehrte Heinrich Grüber zunächst wieder als Pfarrer nach Berlin-Kaulsdorf zurück und verhinderte dort unter anderem, dass die Nazis im Zuge des Heranrückens der Roten Armee ein Wasserwerk sprengten. Dem Pfarrer war klar, dass die Bevölkerung, die den Krieg überleben würde, solche Einrichtungen dringend brauchen wird. Nach Kriegsende wurde Heinrich Grüber erster Pfarrer (Propst) der Berliner Marienkirche. Da Berlin völlig zerstört war, wurde Heinrich Grüber von den Leuten auch als „Trümmerpropst“ bezeichnet. Das ehemalige Büro Pfarrer Grüber wurde zur Evangelischen Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte und unterstützte unter dem Vorsitz von Heinrich Grüber fortan ehemalige Häftlinge, die oft nicht mehr als die gestreifte Häftlingsuniform besaßen, nach Kräften dabei, zurück in ein menschenwürdiges Lebens zu finden.
Nach dem Tod von Heinrich Grüber vor nunmehr 50 Jahren führte zunächst dessen Frau Margarte Grüber (geborene Vits) die Hilfsstelle weiter. Inzwischen wird die Einrichtung von Enkel Michael Grüber geleitet. Der ehemalige Ortsbürgermeister Teschendorfs und langjährige Gemeindevertreter des Löwenberger Landes agiert seit mehreren Jahren als Vorsitzender der Evangelischen Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte, die inzwischen in eine Stiftung umgewandelt wurde und seit einiger Zeit wieder den Namen „Stiftung Büro Pfarrer Grüber“ trägt. Die Stiftung kümmert sich um noch lebende ehemalige Rasseverfolgte, möchte ihnen das Gefühl von Fürsorge und Geborgenheit geben. Der Älteste unter den ehemals Rasseverfolgten, um die sich die Stiftung sorgt, zählt inzwischen 103 Jahre und spricht aufgrund der langjährigen Flucht vor den Nazis vier Sprachen. Unterstützung gibt die Stiftung sowohl in finanzieller Form als beispielsweise auch bei Behördengängen oder dem Ausfüllen von Anträgen und Formulare
Auch 50 Jahre nach dem Tod von Heinrich Grüber lebt der Solidaritätsgedanke mit den ehemals Rasseverfolgten des NS-Regimes weiter. In Oranienburg hat man dem Pfarrer unter anderem auch dadurch ein Denkmal gesetzt, indem der Platz vor der ehemaligen Zentrale der gesamten Judenverfolgung in Deutschland (heutiges Finanzamt) nach Heinrich Grüber benannt wurde. Dem Pfarrer und allen, die sein Werk fortgeführt haben und weiter fortführen, sei gedankt.
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